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Journal Schweizer Archiv für Tierheilkunde
Verlag GST
Heft Band 158, Heft 5, Mai 2016
ISSN (print) 0036-7281
ISSN (online) 1664-2848
online seit 2. Mai 2016

Vet-Info

Agrovet-Strickhof Eine wegweisende Kooperation

In Lindau bei Zürich entsteht derzeit das neue Bildungs- und Forschungszentrum Agrovet-Strickhof, an dem sich neben der ETH Zürich und dem Kompetenzzentrum Strickhof auch die Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich beteiligt. Agrovet-Strickhof bietet nicht nur eine moderne Infrastruktur für Forschung, Lehre und Ausbildung, sondern ermöglicht auch einen engeren Austausch zwischen den Agrar- und Veterinärwissenschaften mit der praktischen Landwirtschaft.

Im nächsten Spätsommer ist es soweit: In Lindau-Eschikon bei Zürich wird Agrovet-Strickhof, eine Kooperation von Bildung und Forschung, nach rund zweijähriger Bauzeit mit allen Gebäudeteilen seinen Betrieb aufnehmen. Bemerkenswert sind jedoch nicht nur die modernen Gebäude, die derzeit erstellt werden. Vielmehr setzt Agrovet-Strickhof auch auf institutioneller Ebene neue Massstäbe. In Lindau-Eschikon werden künftig die ETH Zürich, die Universität Zürich und der Strickhof, das Kompetenzzentrum für Bildung und Dienstleistungen in Land- und Ernährungswirtschaft, unter einem Dach zusammenarbeiten, drei Institutionen also, die sich bisher auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Landwirtschaft beschäftigt haben. Die Absicht dahinter ist klar: «Wir erhoffen uns von dieser Kooperation zahlreiche Synergien, sowohl in der universitären Forschung und Lehre als auch in der Berufs- und Weiterbildung», erklärt Ueli Voegeli, Direktor des Strickhofs. Tatsächlich führt Agrovet-Strickhof sowohl auf vertikaler als auch auf horizontaler Ebene zu einer stärkeren Integration der verschiedenen Bereiche. Vertikal bedeutet, dass die universitäre Forschung- und Lehre künftig in unmittelbarer Nähe zur landwirtschaftlichen Aus- und Weiterbildung stattfindet. Horizontal, dass die veterinär- und agrarwissenschaftliche Forschung enger mit den praktischen Bedürfnissen der Landwirtschaft verknüpft werden. «Damit können wir in Zürich etwas realisieren, das es in dieser Form zumindest im deutschsprachigen Raum bisher noch nirgendwo sonst gibt», hält Prof. Heiner Bollwein fest, Direktor der Klinik für Reproduktionsmedizin der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich.

Notwendige Investitionen
Ausgangspunkt für das wegweisende Projekt war, dass alle drei Institutionen Investitionen tätigen mussten, weil ihre Stallungen und Gebäude nicht mehr dem heutigen Stand moderner Tierhaltung entsprechen. Zudem sah sich die ETH Zürich unter anderem aufgrund der sinkenden Studierendenzahlen veranlasst, den Bereich Agrarwissenschaften neu auszurichten. Im Zuge dieser Neuausrichtung organisierte sie die entsprechenden Departemente neu und lancierte die strategische Initiative «World Food System», um dieses Forschungsgebiet aufzuwerten – und damit auch den Bereich Nutztierwissenschaften.

Wie bei derartigen Vorhaben nicht anders zu erwarten, gab es auch bei Agrovet-Strickhof zu Beginn kritische Stimmen. Vor allem von bäuerlicher Seite wurden Befürchtungen geäussert, die landwirtschaftliche Ausbildung käme im neuen Zentrum zu kurz. Die Bedenken haben sich inzwischen gelegt, konnten doch die Vertreter der beiden Hochschulen aufzeigen, dass den Universitäten viel an einem engeren Austausch mit der Praxis gelegen ist. «Bei der entscheidenden Abstimmung im Zürcher Kantonsrat wurde das Vorhaben mit 167:0 Stimmen abgesegnet», berichtet Voegeli. «Das zeigt, dass die Überzeugungsarbeit erfolgreich war.»

Das ganze Spektrum der Nutztierhaltung
Konkret bauen die ETH Zürich und der Kanton Zürich in Lindau nun für insgesamt 63 Millionen Franken mehrere neue Gebäude. Im Zentrum der künftigen Anlage kommt ein grosser Milchviehstall für insgesamt etwa 120 Kuhplätze zu stehen, in dem zwei Herden von 50 und 70 laktierenden Tieren für die landwirtschaftliche Ausbildung und die Forschung gehalten werden. Etwas versetzt dazu ist ein zweiter Stall für die Rindermast sowie die Haltung von Jungvieh vorgesehen, ebenfalls auf Bildung und Forschung ausgerichtet. Neben dem grossen Milchviehstall entsteht ein Stoffwechselzentrum, in dem unter anderem 12 Respirationskammern verschiedener Grösse untergebracht sind. Diese dienen dazu, den Stoffwechsel der Nutztiere im Detail zu untersuchen. So wird beispielsweise die ETH Zürich in diesen Kammern untersuchen, wie sich die Ernährung der Tiere auf deren Methanausstoss auswirkt. Ergänzt werden die drei erwähnten Betriebsgebäude durch ein Büro- und Laborgebäude mit insgesamt 40 Arbeitsplätzen, einem Forum, in dem Veranstaltungen und Demonstrationen mit bis zu 400 Personen durchgeführt werden können, sowie einer Siloanlage und einem Trockenfutterlager.

Zusammen mit dem bereits bestehenden Schweinestall und den Einrichtungen für Legehennen wird Agrovet- Strickhof künftig das ganze Spektrum der Nutztierhaltung abdecken – zumal neben den heutigen Standorten Lindau und Winterthur-Wülflingen künftig auch die beiden ETH-Forschungsstationen Frühbüehl bei Zug und Alp Weissenstein im Kanton Graubünden zum Agrovet-Strickhof gehören werden. In Frühbüel mit voralpiner Vegetation geht es um die Haltung von Mutterkühen, Schafen und Damwild, auf der Alp Weissenstein um die Sömmerung von Mutterkühen, Rindern und Schafen im Berggebiet.

«Obwohl wir dank der Kooperation der drei Institutionen und den neuen Gebäuden nun viel mehr Möglichkeiten haben werden als früher, spart die öffentliche Hand unter dem Strich Kosten», erklärt Voegeli. Vor allem aber, so hofft er, finden künftig neue Erkenntnisse aus der Forschung schneller Eingang in die Praxis. An Forschungsthemen, so ist er überzeugt, fehle es nicht: «Letztlich geht es um das grosse Thema Ressourceneffizienz », erklärt er. «Welche Nutztiere sollen wir auf welche Weise halten, damit unter den spezifischen Bedingungen der Schweiz Lebensmittel optimal produziert werden können.» Dabei spiele auch das Thema Tiergesundheit eine zentrale Rolle, nicht zuletzt weil die medizinische Betreuung der Tiere für die Bauern ein relevanter Kostenfaktor sei. «Es geht darum, im Sinne eines guten Herdenmanagements die Tiere so zu halten, dass sie möglichst stressfrei und gesund leben können. Dazu brauchen wir eben einen engeren Austausch mit den Tierärztinnen und Tierärzten.»

Bezug zur konkreten Landwirtschaft
Der Austausch mit den Landwirten ist auch Bollwein ein grosses Anliegen. «Die Schweizer Konsumentinnen und Konsumentinnen legen viel Wert auf das Tierwohl», stellt er fest. «Doch der Bezug der Veterinärstudentinnen und -studenten zur Landwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Agrovet-Strickhof bietet nun ideale Voraussetzungen, dass unsere Studierenden die landwirtschaftliche Praxis künftig besser kennen lernen.» Bollwein ist überzeugt, dass die Beratung der Landwirte hinsichtlich der richtigen Haltung der Tiere im Vergleich zu deren Therapie zunehmend an Bedeutung gewinnen werde. «Milchkühe leistungsgerecht zu halten wird aufgrund der zunehmenden Milchleistung immer schwieriger», meint er. «Als Tierärzte können wir den Landwirten zeigen, wie sie mit einer guten Haltung und mit Vorbeugemassnahmen Krankheiten vermeiden und so das Tierwohl und die Leistung der Tiere nachhaltig verbessern können.» Doch um die Landwirte richtig beraten zu können, müssen die Veterinäre wissen, unter welchen betrieblichen und ökonomischen Bedingungen die Tiere gehalten und Lebensmittel produziert werden.

Gerade bei Reproduktionskrankheiten, die neben Euterkrankheiten die wichtigsten Ursachen für eine vorzeitige Merzung von Milchkühen sind, sei es beispielsweise wichtig, den Vorbericht zum Tier genau zu kennen. «Meist beginnen solche Krankheiten mit Stoffwechselproblemen um den Zeitpunkt der Abkalbung», stellt Bollwein fest. «Diese führen dann dazu, dass die Immunität der Kuh herabgesetzt wird und die Tiere erkranken. Und das wiederum führt dann zu einer schlechteren Fruchtbarkeit. Doch das erkennt man nicht, wenn man nur die aktuell diagnostizierte Fruchtbarkeitsstörung des Tieres isoliert sieht.» Wie genau Stoffwechselprobleme die Fruchtbarkeit beeinflussen, können die Forscher nun in den neuen Versuchsanlagen vertieft untersuchen, wie Bollwein an einem Beispiel illustriert. In der Praxis kann es beispielsweise sein, dass eine Kuh, die 7000 Liter Milch produziert, an einer Lebererkrankung leidet, während eine andere Kuh, die doppelt soviel Milch gibt, gesund bleibt. Im Stoffwechselzentrum lässt sich nun untersuchen: Wie unterscheiden sich die beiden Tiere in Bezug auf ihren Metabolismus? Wie effizient verwerten sie das Futter? Und welche Folgen hat dies für ihre Gesundheit und Fruchtbarkeit?

Ergänzende Kompetenzen
Klar ist: Mit Agrovet-Strickhof werden künftig zwei unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen. Auf der einen Seite stehen die Landwirte und Agrarwissenschaftler, die sich primär für das gesunde Tier interessieren und möglichst effizient Lebensmittel produzieren wollen; auf der anderen Seite die Veterinäre, für die das Tierwohl und die Vermeidung sowie Therapie von Krankheiten im Zentrum stehen und deren Anliegen es ist, rückstandsfreie Lebensmittel herzustellen. «Wenn man diese beiden Sichtweisen zusammenbringt, hat das für alle Beteiligten Vorteile», ist Bollwein überzeugt. Positiv beurteilt er insbesondere auch die engere Zusammenarbeit der Vetsuisse-Fakultät mit der ETH Zürich. Er selbst arbeitet eng mit Susanne Ulbrich zusammen, Professorin für Tierphysiologie am ETH-Institut für Agrarwissenschaften. Während sie sich vorwiegend mit der Reproduktionsbiologie befasst, legt er den Schwerpunkt auf die Reproduktionsmedizin. «Da wir das Thema von unterschiedlichen Seiten beleuchten, können wir viel voneinander lernen», meint der Wissenschaftler. «Dabei profitieren beide Seiten nicht nur vom fachlichen Austausch, sondern auch von der Tatsache, dass sich unsere Forschungsgruppen methodisch ideal ergänzen.»

Ein wichtiges Ziel verschiedener Forschergruppen der Vetsuisse-Fakultät ist die stressfreie Haltung von Tieren. «Unser längerfristiges Ziel ist es, Marker zu finden, anhand derer man an Proben von Lebensmitteln tierischer Herkunft erkennen kann, ob das Tier stressfrei gehalten wurde», erklärt er. Während man einen missbräuchlichen Einsatz von Medikamenten heute anhand der Rückstände im Fleisch und in der Milch nachweisen kann, lassen sich falsche Haltungsbedingungen bisher auf diese Weise noch nicht überprüfen. Gerade das wäre jedoch wichtig, steigt doch die Nachfrage nach tierischen Lebensmitteln aus artgerechter Haltung. «Mit den neuen Anlagen in Lindau können wir diese Fragen nun besser untersuchen», meint Bollwein. «Wir können die Tiere zum Beispiel unter kontrollierten Bedingungen unter Stress setzen, beispielsweise sozialem oder metabolischem Stress, und dann untersuchen, zu welchen Änderungen es in ihrem Körper auf molekularer Ebene kommt.»

Auch Pferdezüchter sollen von den neuen Forschungsmöglichkeiten profitieren. So werden in Lindau künftig auch einige Pferde gehalten, an denen beispielsweise die Ursachen für Trächtigkeitsstörungen untersucht werden können. Gerade bei älteren Stuten kommt es immer wieder vor, dass es zwar zu einer erfolgreichen Befruchtung der Eizelle kommt, der Embryo dann aber in den ersten Tagen nach der Befruchtung abstirbt. Ein wichtiger Grund für diese embryonale Mortalität sind altersbedingte Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut, wodurch die Sekretion von Substanzen, die für die Aufrechterhaltung der Trächtigkeit wichtig sind, gestört wird. Auch bei Hochleistungsrindern ist der Fruchttod in den ersten drei Wochen nach der Befruchtung die wichtigste Ursache für Fruchtbarkeitsstörungen. Dies liegt unter anderem am hohen Metabolismus der Kühe mit hoher Milchleistung, da in der Leber nicht nur die Nährstoffe, sondern auch die Reproduktionshormone abgebaut werden. Dadurch leiden Milchkühe häufig an einem Mangel an Sexualhormonen, die für die ungestörte Entwicklung der Embryonen essentiell sind. «Die Zusammenhänge zwischen Metabolismus und Fruchtbarkeitsstörungen möchten wir künftig im Detail studieren», meint Bollwein. «Und dank der Nähe zur beruflichen Aus- und Weiterbildung des Strickhofs können wir unsere Erkenntnisse hoffentlich auch schneller in die Praxis umsetzen.»

www.agrovet-strickhof.ch

Text: Felix Würsten
Bilder: Agrovet-Strickhof

Luftbildaufnahme der Baustelle (Stand Februar 2016).
Modellansicht der Neu- und Ersatzbauten, die derzeit in Lindau gebaut werden. Im Zentrum ist der grosse Milchvielstall zu sehen, links oben das Stoffwechselzentrum. Gleich daneben liegen das Büro- und Laborgebäude sowie das Forum. In der rechten unteren Ecke ist der Rindermast- und Jungviehstall zu sehen, links unten die Siloanlage und das Futterlager.
Visualisierung der neuen Anlage. Im Hintergrund ist der grosse Milchviehstall zu sehen, rechts das Stoffwechselzentrum.
Der Spatenstich zum neuen Zentrum erfolgte Ende August 2015.
Die Vertreter der drei Institutionen, die künftig in Lindau eng zusammenarbeiten werden: Prof. Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, Markus Kägi, Regierungsrat des Kantons Zürich, und Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich (v. l. n. r.).
In solchen Respirationskammern können die Forschenden im neuen Stoffwechselzentrum künftig den Metabolismus von Nutztieren im Detail untersuchen.
 
TYPO3 Agentur