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Journal Schweizer Archiv für Tierheilkunde
Verlag GST
Heft Band 158, Heft 3, März 2016
ISSN (print) 0036-7281
ISSN (online) 1664-2848
online seit 3. März 2016

Vet-Info

Im Einsatz gegen das Katzenleid

Mit vereinten Kräften gegen das Katzenleid im Kanton Jura: Die Tierschutzorganisation NetAP, der Verein Jurassischer Tierärzte (SVJ) und der lokale Tierschutzverein AJPA arbeiten Hand in Hand gegen die Überpopulation verwilderter Katzen im Westschweizer Kanton.

Das Team vom 24. Januar 2016.
Das Feldlazarett in Delémont.
Das Feldlazarett in Delémont.
Immer wieder traurige Fälle von Vernachlässigung.

Es ist 9 Uhr morgens. Aus verschiedensten Regionen der Schweiz treffen Freiwillige der Tierschutzorganisation NetAP (Network for Animal Protection) im jurassischen Hauptort Delémont ein. Drei Tierärzte der SVJ sind ebenfalls vor Ort eingetroffen. Im ehemaligen Personalrestaurant der Firma von Roll wird ein «Feldlazarett» eingerichtet. Rund 80 Katzen warten in ihren Boxen und sollen im Laufe des Tages kastriert werden.

Das Katzenleid im Jura ist – wie in vielen anderen Kantonen auch – gross: Hunger, Krankheiten, Verletzungen und Extremtemperaturen machen vielen herrenlosen oder vernachlässigten Katzen zu schaffen. Die unkastrierten Tiere vermehren sich schnell. Um die Populationen unter Kontrolle zu halten, wird deshalb gerne auch mal zum Gewehr oder zu anderen unethischen Tötungsmethoden gegriffen.

Den Kreislauf des Elends unterbrechen
Die Tötung ungewollter Tiere ist zwar oft die schnellste, aber keine nachhaltige Lösung. Trotzdem wird sie auch in der Schweiz praktiziert. Das Tierschutzgesetz verbietet diese Art der Populationskontrolle leider nicht. Gesunde Katzen dürfen in der Schweiz grundlos getötet werden. Laut Gesetz muss die Tötung einzig «fachgerecht » erfolgen, also schmerzfrei für das Tier sein und zur sofortigen Bewusstlosigkeit führen, aus der es nicht wieder erwacht. Während Erschlagen und Ertränken dieser Vorschrift nicht entsprechen, wäre die Euthanasie erlaubt. Das Töten gesunder Jungtiere steht aber klar im Widerspruch zur Berufsethik der Tierärzte, weshalb viele Veterinäre nicht bereit sind, Hand zu bieten, um sich des unerwünschten Nachwuchses zu entledigen.

Die einzige nachhaltig wirksame und tiergerechte Massnahme, um die Anzahl der Katzen zu begrenzen, ist die Kastration. Dass die Verantwortlichen nicht zu diesem Mittel greifen, hat zahlreiche Gründe: Gleichgültigkeit, Vorurteile oder der Mangel an Bereitschaft, für eine Katze Geld auszugeben, sind nur einige davon.

Um den Kreislauf des Elends zu unterbrechen, kastriert NetAP laufend in der ganzen Schweiz verwilderte Katzen. Viele Schweizer Tierärzte sind an den Wochenenden ehrenamtlich im Einsatz und operieren pro Tag zwischen 20 und 100 Tiere. Gleichzeitig mit der Kastration erfolgt auch eine medizinische Grundversorgung, die Behandlung gegen Endo- und Ektoparasiten und weitere individuell angezeigte medizinische Massnahmen. Denn trotz der Masse gilt: Jedes Tier hat das Recht auf ein gesundes Leben.

Hohe Ansprüche an Professionalität und Hygiene
In der provisorischen Klinik werden die Katzen narkotisiert und untersucht: Allgemeinzustand, Ohren, Augen, Zähne und alles, was unter Feldbedingungen möglich ist, wird geprüft. Dabei wird streng auf grösstmögliche Hygiene geachtet, denn immer noch gibt es viele Fälle von Katzenseuche. Um die Katzen keiner Ansteckungsgefahr auszusetzen, werden diese streng nach zusammenlebenden Gruppen getrennt und mit möglichst grossem Abstand zu den andern Tieren gehalten. Jedes Team (bestehend aus Tierarzt, TPA und Helfer) kastriert die ihm zugeteilte Gruppe. Hierzu hat es einen eigenen Arbeitsplatz und eigenes Einsatzmaterial (z. B. Hängebrett, Zwangskäfig, Schermaschine). Natürlich gibt es für jedes Tier ein steriles Besteckset. Mittlerweile verfügt NetAP über 150 komplette Kätzinnen- Sets, die jeweils in der Woche vor dem Einsatz autoklaviert werden. Nach jeder Katze wird der Arbeitsplatz sorgfältig gereinigt. Und ist man mit einer Gruppe durch, wird zusätzlich mit Virkon eingesprüht.

Neben der Kastration werden, falls nötig, auch weitere Eingriffe durchgeführt. So werden Zähne gezogen, Abszesse gespalten und Kugeln entfernt. Manchmal ist auch eine Amputation nötig. NetAP ist für viele Fälle gerüstet, und wenn einmal ein Fall nicht im Provisorium operiert werden kann, findet sich immer ein Tierarzt, der den Patienten später aufnimmt. In den seltensten Fällen muss ein Tier euthanasiert werden. Dies geschieht nur dann, wenn trotz Operation und Behandlung keinerlei Aussicht auf Lebensqualität mehr besteht.

Nach der Operation werden die Katzen vom «Recovery-Team» betreut. Mehrere Helfer sorgen dafür, dass die Katzen in Ruhe und vor allem an der Wärme aufwachen können. Geschwächte Tiere werden infundiert, bei allen wird die Körpertemperatur geprüft, bei Unregelmässigkeiten wird umgehend ein Tierarzt verständigt.

Routinemässig wird bei jedem Patienten die Körpertemperatur geprüft.
Auch viele TPA sind ehrenamtlich für NetAP tätig.

Die beteiligten Tierärzte schätzen die Professionalität in den Einsätzen. Dr. Susanna Käppeli aus Interlaken ist zum Beispiel regelmässig für die Tierschutzorganisation unterwegs. «Es fehlt an nichts!» freut sie sich. «Instrumente, Medikamente, Ausrüstung, Hygienebestimmungen, Abläufe. Alles stimmt!» An diesem Tag ist zum ersten Mal Dr. Elisabeth Goldinger aus Müllheim dabei: «Beeindruckend, wie gut organisiert diese Einsätze sind», stellt sie fest und freut sich schon auf den nächsten Einsatz.

Wie ihr geht es vielen anderen Kolleginnen und Kollegen: Einmal dabei, immer wieder dabei. Sich zusammen mit einem professionellen Team gegen Tierleid im eigenen Land einzusetzen, Teil der wirksamen und positiven Veränderung zu sein, sein Wissen und seine Erfahrung für die Verbesserung der Lebenssituation der Tiere, für die niemand Geld ausgeben würde, zu teilen, das alles macht für sie als Tierärzte einfach Sinn!

Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen
Im Jura arbeitet NetAP mit der lokalen Organisation AJPA und dem Verein Jurassischer Tierärzte SVJ zusammen. AJPA fängt die Patienten am Vortag ein und lässt sie erst am Tag nach dem Eingriff wieder frei. Für jeden Operationstag stellt die SVJ zwei bis drei Mediziner zur Verfügung, die zusammen mit dem NetAP-Team die Tiere operieren und behandeln. Inzwischen ist man trotz wechselnder Teilnehmer sehr eingespielt und hilft sich gegenseitig aus. Hand in Hand arbeitet man an der Verbesserung der Situation der Katzen im Kanton Jura. Und die Arbeit zeigt erste Erfolge: In einigen Gegenden, in denen man noch vor zwei Jahren laufend schwerkranke Jungtiere vorfand, freut man sich heute über einen gesunden und stabilen Katzenbestand. Auch die Bevölkerung ist sensibler geworden. Viele Landwirte melden verwilderte Katzenpopulationen beim lokalen Tierschutz und bitten um Hilfe. Und auch der Schweizer Tierschutz STS unterstützt all diese Bemühungen, indem er das Budget für Kastrationen im Kanton Jura erhöht hat.

Eines ist sicher: Eine solche Zusammenarbeit im Sinne des Tierschutzes bildet den Schlüssel zum Erfolg. Es wäre schön, wenn weitere Kantone diesem Beispiel folgen würden.

Auf zum nächsten Kastrationsmarathon
Um 17.00 Uhr sind alle Katzen operiert und bereits wieder wach. Sie werden am folgenden Tag von den Helfern der AJPA wieder im angestammten Revier freigelassen werden. Der Einsatztag ist heute früh zu Ende, manchmal kann es auch 21 Uhr werden. Dies hängt von der Fangquote und dem Zustand der Tiere ab und natürlich auch von der Grösse des jeweiligen Teams. Heute stand ein grosses Team im Einsatz. Zufrieden verabschieden sich die Teilnehmer. Viele werden sich im nächsten Monat wiedersehen, beim nächsten Kastrationsmarathon in Delémont. Und man freut sich bereits heute drauf!

Text: Esther Geisser, Präsidentin und Gründerin NetAP, und Dr. Enrico Clavadetscher, Vorstandsmitglied und medizinischer Leiter NetAP.

NetAP ist ständig auf der Suche nach erfahrenen Fachkräften für Einsätze im In- und Ausland. Wenn auch Sie Teil des NetAP-Teams werden möchten, fordern Sie den Fragebogen für Tierärzte an unter info(at)netap.ch.

 
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