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Journal Schweizer Archiv für Tierheilkunde
Verlag GST
Heft Band 158, Heft 1, Januar 2016
ISSN (print) 0036-7281
ISSN (online) 1664-2848
online seit 4. Januar 2016

200 Jahre SAT

200 Jahre Schweizer Archiv für Tierheilkunde

Franz Karl Stadlin (oben), Gründer des SAT, mit den beiden GST-Mitgründern Joseph Martin Meyer (links) und Karl Peter Suter (rechts).

Das Schweizer Archiv für Tierheilkunde trägt seinen Namen zu Recht. Seine Jahrgänge stellen ein chronologisch eingereihtes Archiv der Fortschritte in der Veterinärmedizin, des Aufbaus des Veterinärwesens, der Entwicklung der GST sowie der Namen und Leistungen der Tierärztinnen und Tierärzte dar. Geblieben ist seit dem Erscheinen der ersten Nummer des «Archivs für Thierheilkunde» im Jahr 1816 das Bestreben, die Erkenntnisse der Naturwissenschaften für die Tiergesundheit zu nutzen und weiter zu entwickeln.

Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) wurde 1813 gegründet, zu einer Zeit, als die Schweiz nach der französischen Revolution um ihre nationale Identität suchte. Es war einer der ersten nationalen Zusammenschlüsse und war von der Sorge um eine nationale Bekämpfung der Tierseuchen geprägt. Es folgten weitere Organisationen, die sich eine Identifikation gaben, wie zum Beispiel die Turner, die Sänger und die Studenten. Sie hielten zentrale Jahresversammlungen ab und trafen sich in regionalen Sektionen.

Zwei Ärzte für den Fortschritt in der Medizin

Die Generation der jungen Akademiker drängte nach Fortschritt bei den demokratischen Errungenschaften und in der wissenschaftlichen Forschung und setzte sich vermehrt mit Liberalismus und Denkfreiheit auseinander. Zur Verbreitung der neuen Erkenntnisse schufen sie Publikationsorgane. Mehrere dem politischen und wissenschaftlichen Fortschritt verpflichtete Zeitschriften wurden von Heinrich Remigius Sauerländer in Aarau verlegt.

An diesen Verlag wandten sich auch die beiden Ärzte Ignaz Paul Vital Troxler aus Beromünster (1780–1866) und Franz Karl Stadlin aus Zug (1777–1829). Troxler wollte ein «Archiv der Medizin, Chirurgie und Pharmazie » herausgeben und Stadlin ein «Archiv für Thierheilkunde ». Beide erschienen in identischem Layout ab 1816 bei Sauerländer. Die Koordination der Herausgabe der beiden Periodika dürfte vom Sauerländer-Verlag ausgegangen sein. Troxlers Publikation erschien nur bis 1817, während Stadlins Publikation heuer das 200. Jahr des Erscheinens feiern kann. Troxler wandte sich später mehrheitlich der Philosophie, Pädagogik und Politik zu. Seine Schriften waren von entscheidender Bedeutung für die Ausgestaltung und den Erfolg der Bundesverfassung von 1848 (Heusser, 1983; Furrer, 2011).

Stadlin war seit 1813 Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärzte, im Herbst 1816 demissionierte er. Von der Redaktion des «Archivs für Thierheilkunde» wurde er 1821 entbunden, wohl wegen seiner «kompromisslosen, keine Rücksichtnahme kennenden Art» (Frauchiger und Fankhauser, 1969; Häfliger, 1974). Er beschäftigte sich fortan mehrheitlich mit der lokalen Politik und der Geschichtsschreibung. Weder aus den Biografien noch aus den überlieferten Korrespondenzen können Kontakte zwischen Stadlin und Troxler nachgewiesen werden.

Die Einleitung zur ersten Nummer des «Archivs für Thierheilkunde» beginnt mit der Feststellung, dass «der Wohlstand der Schweiz grösstenteils auf der Viehzucht beruhe», daraus ergebe sich die Bedeutung der Tierheilkunde und der Tierärzte. Die Gesellschaft Schweizer Tierärzte habe «in dem zwischen ihren Mitgliedern gestifteten Verkehr durch gegenseitige Belehrung und Aufmunterung viel Gutes gewirkt, und ihre Wohltätigkeit im Praktischen vorzüglich in Zeiten der Noth, da bisher unbekannte verheerende Seuchen in das Vaterland einbrachen, bewiesen ...» Mit einer Zeitschrift könne der Vereinszweck noch besser erfüllt werden. Diese solle vierteljährlich, 6–8 Bogen stark, erscheinen. Der Preis betrug 4 Gulden oder 6 Schweizerfranken pro Jahr, er war ermässigt, wenn gleichzeitig das «Archiv der Medizin, Chirurgie und Pharmazie» bezogen wurde. Für beide Zeitschriften galten die gleichen Redaktionsgrundsätze. Im «Archiv für Thierheilkunde» wurde auf ihre Wiedergabe verzichtet und auf die Nummer 1 der anderen Zeitschrift verwiesen. Jene Redaktion gab sich «bei Herausgabe dieser Zeitschrift einen dreifachen Zweck auf:

  1. In öffentlicher und gegenseitiger Mittheilung ein grosses Mittel zu finden, die Arzneikunst unter uns selbstthätig zu vervollkommnen, und einen gemeinsamen wissenschaftlichen Verein im Vaterlande zum Besten der Menschheit zu stiften.
  2. Durch Sammeln des Wissenswerthesten und Zusammenstellung des Denkwürdigsten, was im Auslande geschieht, die Bildung und das Fortschreiten vorzüglich jener grossen Klasse von Aerzten, welchen ihre Lage und ihr Beruf das kostspielige Halten und zeitfressende Lesen der bis zur Unzahl angewachsenen auswärtigen Zeitschriften nicht erlaubt, zu unterhalten und befördern.
  3. Gegentheils dem Auslande ein eigenes Blatt zu bieten, in welchem ein Inbegriff von dem, was in den erwähnten Fächern sowohl im Allgemeinen als Einzelnen unter uns gethan, und versucht wird, was mit oder ohne Erfolg unternommen wird, und überhaupt die Früchte unserer Erfahrung und wissenschaftlichen Bestrebungen dargestellt würden.»

Weiter wird versichert, dass «die Tendenz der Schrift vorzugsweise aufs Praktische gerichtet, doch nicht auf jene Afterpraxis, die sich von der Wissenschaftlichkeit lossagt. Es wird keinem System ausschliesslich gehuldigt, auch keinem unbedingt Fehde geschworen. Aufnahmsbedingung ist Gehalt an Ideen oder Thatsachen, und deutliche Darstellung.»

Der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit

Alle Redaktoren des SAT (heute gebräuchliche Kurzbezeichnung für «Schweizer Archiv für Tierheilkunde») haben sich seither bemüht, Beiträge aus der tierärztlichen Praxis zu veröffentlichen. Die Redaktoren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren dabei erfolgreich. Sie konnten aus der grossen Zahl von 462 eingereichten Arbeiten der Mitglieder und den Antworten auf 52 Preisfragen auswählen (Häsler, 2013).

Die Einsendungen von Dozenten der beiden Veterinärschulen sind deutlich in der Minderheit gegenüber den Einsendungen der praktizierenden Tierärzte. Die Preisfragen suchten nach Antworten auf drängende Probleme oder sollen bestehende Theorien hinterfragen. Für Stadlins kritischen Geist bezeichnend ist, dass er bereits in der ersten Nummer die «Lehre von der Verdorbenheit der Säfte» (Hippokrates, 400 v. Chr.) zur Diskussion stellte. Besonders erfolgreich im Praxisbezug der Bei träge im SAT war Prof. Ernst Wyssmann, der von 1914–1923 und von 1934–1946 Redaktor des SAT war. Er selbst schrieb 118 Beiträge über Krankheitsfälle bei Pferd, Rind, Schaf, Ziege und Schwein, 45 davon in den Jahren 1904–1919, als er noch praktizierender Tierarzt in Neuenegg BE war.

Nachdem aus den Veterinärschulen Fakultäten der Universitäten (Bern 1900, Zürich 1902) geworden sind, wurde es möglich, Veterinär-medizinische Dissertationen einzureichen. Die Arbeit der Doktoranden und eine bessere Finanzierung von Projekten ermöglichten eine Ausdehnung der Forschung auf experimenteller oder theoretischer Basis. Die Ergebnisse wurden nun vielfach im SAT veröffentlicht, doch es wäre verfehlt, diese als «wissenschaftliche Publikationen» den auf Beobachtungen beruhenden Arbeiten aus der Praxis gegenüberzustellen und damit den praktisch tätigen Autoren die Wissenschaftlichkeit abzusprechen! Viele Ausgaben des SAT enthielten Beiträge aus den Instituten und Kliniken der Veterinär-medizinischen Fakultäten, die zu jener Zeit für die Praxis unmittelbar anwendbar waren. Als Beispiele seien die Anleitungen zur Durchführung der Fremdkörperoperation (Andres, 1941) und die Information über die künstliche Besamung (Hofmann, 1939) genannt. Wie sehr das SAT geschätzt wurde und immer noch wird, ist an den Bibliotheken vieler Tierärztefamilien zu erkennen, wo die SAT-Jahrgänge mit Buchzeichen versehen, gebunden aufbewahrt werden.

Ein Dialog zwischen den Autoren und den Lesern kam selten zu Stande, abgesehen von den scharfen Zensuren Stadlins, die er als Fussnoten unter den Beiträgen der Autoren anbrachte. Als Beispiel eines kritischen «Leserbriefes » muss eine Einsendung von Prof. Richard Götze, Hannover, auf einen Artikel von Wyssmann «Zur Frage der Übertragung des bösartigen Katarrhalfiebers der Rinder durch Schafe» (Wyssmann, 1933; Götze, 1934; Wyssmann, 1934) gewertet werden. Wyssmann stellte fest, dass das bösartige Katarrhalfieber beim Rind häufig ohne Infektion durch Schafe ausbreche. Götze bestreitet dies vehement, stellt die Wissenschaftlichkeit der Publikation in Frage und folgert: «An der Wyssmannschen Arbeit ist so recht zu erkennen, wo es hinführt, wenn man nicht auf Herz und Nieren geprüftes Zahlenmaterial in Prozente umrechnet und damit die Wahrheit beweisen will.» Wyssmann antwortet darauf, dass erst aus dem Streit der Meinungen in der Regel die volle Wahrheit hervorgehe. Später erwies sich Götzes These als richtig; Wyssmann hätte seine erste Annahme auch ohne die heftige Kritik Götzes revidiert.

Die Behörden, die Professoren und die praktizierenden Tierärzte standen während Jahrzehnten unter Druck wegen der ausbleibenden Erfolge in der Seuchenbekämpfung. Die Maul- und Klauenseuchezüge verursachten bezifferbare Schäden in der Höhe von 350 Mio Franken (1919–1921), 35 Mio Franken (1937–1940) und 21 Mio Franken (1965/66) (Zingg, 2013). Die Rindertuberkulose und der Rinderabortus Bang verursachten nicht nur wirtschaftliche Schäden, sondern setzten der menschlichen Gesundheit empfindlich zu (Casey, 2014). Das Eidgenössische Veterinäramt, namentlich seine Direktoren Moritz Bürgi und Gottlieb Flückiger, verfolgten von Anfang an die Strategie der Ausrottung der Seuchen und benützten das SAT als Plattform, um die Tierärzte für die Bekämpfung zu motivieren. Allein von Flückiger gibt es dazu 73 Beiträge. Sein kämpferisches Vorgehen wurde von verschiedenen Seiten als wissenschaftlich zu wenig begründet in Frage gestellt. PD Dr. Ernst Gräub sah sich wiederholt veranlasst, Veröffentlichungen von Flückiger aus der Sicht des Forschers im Laboratorium kritisch zu beurteilen. In einem Fall verzichtete er darauf, um «das Ansehen unserer wissenschaftlichen Zeitschrift im Ausland nicht zu schädigen » und liess seinen Beitrag als Privatdruck den GST-Mitgliedern als Beilage zum SAT zustellen (Gräub, 1939). Auch hier sei die Frage erlaubt, wer berechtigt ist, die Qualitätsetikette der Wissenschaftlichkeit zu verleihen.

Tabelle: Verleger des Schweizer Archiv für Tierheilkunde
Tabelle: Weitere tierärztliche Publikationsorgane
Eine komplette Sammlung der SAT-Jahresbände befindet sich in der Bibliothek der Schweizerischen Vereinigung für Geschichte der Veterinärmedizin (SVGVM) in Basel.

Das SAT – ein Archiv

Wer alte SAT-Bände Jahrgang um Jahrgang aus dem Regal nimmt und darin liest, erlebt die Geschichte der Veterinärmedizin in der Schweiz. Das SAT ist zudem das Vereinsorgan der GST und enthält Veranstaltungshinweise, Protokolle, Mitgliederverzeichnisse, Nekrologe und periodisch standespolitische Überlegungen. In den Jahren 1962–1994 war dies alles in einem separat erschienenen «Bulletin» (bis 1985) und anschliessend in der Zeitschrift «Swissvet» enthalten, seither wieder im SAT integriert. Zusammen mit diesen beiden Periodika ist das SAT somit ein Archiv der GST und gleichzeitig eine Darstellung der Geschichte der schweizerischen Tierärzteschaft. Die Geschichte des SAT wurde wiederholt geschrieben, zuletzt von Sackmann (2008) mit den hauptsächlichen Literaturhinweisen. Die eingangs dargestellten drei Zielsetzungen von Stadlin gelten heute mehr denn je. Das Printmedium ist aber nicht mehr das einzige Kommunikationsmittel und es wird sich zeigen, wie lange das SAT als Medium zur Vermittlung von Texten herausgegeben wird, die der Leser sorgfältig studieren und in seinem privaten Archiv aufbewahren kann.

Text: Stephan Häsler, Schweizerische Vereinigung für Geschichte der Veterinärmedizin (SVGVM)
Bilder: ©GST|SVS, Bibliothek SVGVM Basel

Zum ersten Mal erschienen 1970 Werbeanzeigen

Literatur

Andres J.: Die Fremdkörperoperation beim Rind. Schweiz. Arch. Tierheilk. 1941, 83: 317–338.

Casey, J.: Die Ausrottung des Rinderabortus Bang in der Schweiz von 1927–1970 aus heutiger Sicht. Masterarbeit, Universität Bern, 2014.

Heusser P.: Der Schweizer Arzt und Philosoph I. P. V. Troxler (1780–1866). Dissertation, Universität Basel, 1983.

Frauchiger E. und R. Fankhauser: Dr. med. Franz Karl Stadlin, ein Erneuerer tierärztlicher Bildung. Schweiz. Arch. Tierheilk. 1969, 111: 119–129.

Furrer D.: Gründervater der modernen Schweiz. Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866). Dissertation, Universität Freiburg/ Schweiz, 2009.

Götze R.: Zur Frage der Übertragung des bösartigen Katarrhalfiebers der Rinder durch Schafe. Bemerkungen zum gleichbetitelten Artikel von E. Wyssmann. Mit Bemerkungen zum vorstehenden Artikel von E. Wyssmann. Schweiz. Arch. Tierheilk. 1934, 76: 85–96.

Gräub E.: Zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche. Privatdruck, Beilage zu Schweiz. Arch. Tierheilk. Band 81. Bern, 1939.

Häfliger B.: Dr. Franz Karl Stadlin (1777–1829) Arzt, Naturwissenschafter, Geschichtsschreiber. Dissertation, Universität Freiburg/Schweiz, 1974.

Häsler S.: Geschichte der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte. Schweiz. Arch. Tierheilk. 2013, 155: 7–18.

Hofmann W.: Die künstliche Besamung beim Rind in der tierärztlichen Praxis. Schweiz. Arch. Tierheilk. 1939, 81: 317–327.

Sackmann W.: Dem Schweizer Archiv für Tierheilkunde zum 150. Band. Schweiz. Arch. Tierheilk. 2008, 130: 9–15.

Wyssmann E.: Zur Frage der Übertragung des bösartigen Katarrhalfiebers der Rinder durch Schafe. Schweiz. Arch. Tierheilk. 1933, 75: 577–591.

Zingg D.: Tierseuchengesetzgebung von 1917/20 bis 1966/68. Masterarbeit, Universität Bern, 2013.

 
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