Geschichte der GST

Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) wurde 1813 gegründet und feierte 2013 ihr 200-jähriges Jubiläum. Lange Zeit befasste sich die Veterinärmedizin vorab mit Pferden, Rindern und Schweinen. Es war ein Männerberuf. Heute gibt es mehr Tierärztinnen als Tierärzte und das Berufsbild ist geprägt von einer weit gefächerten Spezialisierung, bei der die Klein- und Heimtiermedizin einen wichtigen Platz einnimmt. 

Eine lange Geschichte – eine lange Tradition

1813: Am Anfang war die Seuchenbekämpfung

Die Gründer der GST: Franz Karl Stadlin, Joseph Martin Meyer, Karl Peter Suter.
Das Gründungsdokument der GST.

Als im Jahr 1813 die «Gesellschaft schweiz. Thierärzte» (GST) gegründet wurde, herrschte Krieg in Europa. Die grossen Heere führten zusätzlich zu den Pferden Schlachtviehherden mit sich und brachten sie unterwegs in den Ställen der Bauern unter. Fremde Truppen marschierten auch durch das Gebiet der heutigen Schweiz. Mit den Bewegungen der Heere und der Zivilbevölkerung wurden Seuchen verschleppt: Rotz, Rinderpest, Lungenseuche, Maul- und Klauenseuche. Die politische Lage in der Schweiz war instabil. Eine nationale Seuchenbekämpfung fehlte und die kantonalen Gesundheitskommissionen verfügten nur über beschränkte Möglichkeiten zum Erkennen und Bekämpfen von Seuchen.

Die Kenntnisse in der Tierheilkunde waren auf einem tiefen Stand, weil die meisten Tierärzte nach der Lehre bei einem älteren Tierarzt keine weitere Ausbildung erhalten hatten. Nur wenige hatten bereits an einer Tierarzneischule studiert. Der Wandel von der empirischen Tierheilkunde zur Veterinärmedizin hatte 1762 mit der Gründung der École vétérinaire Royale in Lyon begonnen. 1813 bestanden in Europa schon über 20 Tierarzneischulen, so auch in Bern seit 1806. Die Tierarzneischule in Zürich wurde 1820 eröffnet. Wo die nötigen staatlichen Strukturen zur Seuchenbekämpfung vorhanden waren, gelang es dank der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Tierarzneischulen, Seuchenherde zu tilgen. In der Epoche der Aufklärung erwuchs somit die Erkenntnis von der Bedeutung der Veterinärmedizin für eine erfolgreiche Viehzucht. Auch der Zuger Arzt Dr. Karl Stadlin sah diese Bedeutung und entschloss sich zum Handeln. Er beriet sich mit den Tierärzten Joseph Martin Meyer aus Bünzen (Aargau) und Karl Peter Suter aus Hünenberg (Zug) und sandte am 13. Juli 1813 ein Zirkularschreiben an eine unbekannte Zahl von Tierärzten mit folgendem Inhalt:

«Unterzeichnete von folgenden Wahrheiten lebendig durchdrungen, dass

  1. Der Viehstand unser einziger Reichthum seye, dass mithin
  2. Der Thierarzt, wenn man auch von seinem directen Einflusse auf das Wohl der Thiere absehen will, für den Wohlstand der Generation thut, was der Menschenarzt für ihre Erhaltung geleistet hat;
  3. Dass die geistige und bürgerliche Bildung bey der Mehrzahl thierärztlicher Individuen ausser allem Verhältnisse mit ihrem hohen Berufe, und den Forderungen des Staates stehen, und dass endlich jene
  4. Durch den noch fühlbaren Mangel an guten Schrift en in diesem Fache, oft durch Unbekanntschaft mit den bessern, auch ökonomischen Rücksichten nicht sehr gefördert werden könne, haben sich in eine Gesellschaft vereinigt, deren Tendenz seyn soll:
    a. Gegenseitig Mittheilungen. Daraus schöpft vorab für 1) und 2) der Staat den Nutzen, dass keine herrschende oder so eben ausgebrochene ansteckende Krankheit länger unbekannt seyn kann.

    b. Wechselweise Belehrung. So erhält der Thierarzt als Mitglied eine Bildung, die ihm einzeln bey überhäuften Geschäften und andern Verhältnissen unerreichbar bleibt. ...»

In der Fortsetzung seines Schreibens lädt er die Tierärzte auf den 6. Oktober 1813 zu einer Versammlung in das Zollhaus an der Reussbrücke in Hünenberg im Kanton Zug ein. Sein Aufruf hatte Erfolg. 25 Tierärzte, ein Arzt und ein Landwirt aus den Kantonen Zürich, Luzern, Zug, Sankt Gallen und Aargau waren anwesend und gründeten die «Gesellschaft schweiz. Thierärzte». Es wurden vorerst fünf kantonale Sektionen eingesetzt.

1813 – 1848: Ein Berufsstand entsteht

Matthias Anker (1788-1863), Direktor der Tierarzneischule in Bern und GST-Präsident. Portrait, von seinem Neffen Albert Anker gemalt.

Für die Wissensvermittlung und die Förderung der Kollegialität wurden jährlich Versammlungen mit Vorträgen und Diskussionen durchgeführt. Die Mitglieder hatten ihre Beobachtungen schrift lich festzuhalten und zugänglich zu machen. Die Arbeiten berichten hauptsächlich über die Seuchenbekämpfung, dann folgen Fragen der inneren Medizin. Meistens handeln sie vom Pferd oder Rind, gelegentlich von Schwein, Schaf, Ziege und Hund. Bis zum Jahr 1872 nahm die GST faktisch die Funktion einer nationalen Veterinärbehörde wahr. Ihrem Einfluss ist es zu verdanken, dass das staatliche Veterinärwesen beim Bund ab 1872 wahrgenommen und in den Kantonen gestärkt worden ist. 1816 wurde das «Archiv für Thierheilkunde » (später und bis heute: Schweizer Archiv für Tierheilkunde SAT) gegründet, um Berichte und preisgekrönte Arbeiten zu veröffentlichen. Gleichzeitig diente es als Publikationsorgan der GST und faktisch als Mitteilungsblatt der «Staatsthierarzneikunde». Die Statuten der GST wurden wiederholt geändert und erhielten 1851 eine Fassung, deren Zweckbestimmung sinngemäss bis heute ihre Gültigkeit behielt.

1849 – 1880: Rudolf Zangger leitet das gesamte schweizerische Veterinärwesen

Rudolf Zangger (1826-1882)

Rudolf Zangger wurde 1849 zum Redaktor des Schweizer Archivs für Tierheilkunde und 1853 zum Präsident der GST gewählt. 1856 wurde er Direktor der Tierarzneischule in Zürich, 1866 Nationalrat, 1869 Oberst und Eidgenössischer Oberpferdarzt, 1872 Eidgenössischer Seuchenkommissär. Zeitweilig übte er alle Funktionen gleichzeitig aus. 1875 wurde er Ständerat. Was wundert es, wenn einzelne Bereiche vernachlässigt wurden. So fielen zwischen 1863 und 1882 15 Jahresversammlungen der GST und 14 Jahrgänge des Schweizer Archivs für Tierheilkunde aus. Dennoch sind die Verdienste von Zangger für die Veterinärmedizin in der Schweiz ausserordentlich gross, namentlich als Lehrer an der Tierarzneischule. Seinem politischen Wirken sind das erste schweizerische Tierseuchengesetz von 1872 und die einheitliche fachtechnische Ausbildung der Pferdärzte der Armee zu verdanken.

1881 – 1913: Für klare Strukturen der Ausbildung und des amtlichen Veterinärwesens

Die Festversammlung der GST zur Jahrhundertfeier vor dem Verwaltungsgebäude in Zug.

1881 fand erstmals wieder eine Jahresversammlung statt, an der 132 Tierärzte teilnahmen. Fortan fanden die Versammlungen regelmässig statt und aktuelle Themen aus der Veterinärmedizin wurden behandelt. Verschiedentlich berichteten die Dozenten über die Forschungsergebnisse aus der Bakteriologie und besonders über die Tuberkulose. Die Qualität der Ausbildung der künftigen Tierärzte war der GST immer ein zentrales Anliegen. Sie forderte als Aufnahmebedingung an die Tierarzneischulen eine Maturitätsprüfung und unterstützte die Schulen in Bern und Zürich erfolgreich im Bestreben, Teil der örtlichen Universitäten zu werden; die Berner Schule wurde 1900 als veterinärmedizinische Fakultät Teil der Universität, die Zürcher Schule wurde 1902 zur Fakultät erhoben. In verschiedenen Eingaben an den Bundesrat stellte die GST konkrete Anträge für eine verbesserte Tierseuchen- und eine neue Lebensmittel- Gesetzgebung. Mit dem Lebensmittelgesetz vom 8. Dezember 1905, der Schaffung des Eidgenössischen Veterinäramtes im Jahr 1914 und mit dem Bundesgesetz vom 13. Juni 1917 betreff end die Bekämpfung von Tierseuchen waren die zentralen Anliegen der Tierärzteschaft erfüllt.

1914 – 1962: Im Dienst des Gemeinwohls und der sozialen Sicherheit der Mitglieder

Die Tuberkulose und der Rinderabortus Bang beeinträchtigten die Volksgesundheit schwerwiegend und verursachten der Landwirtschaft grosse Schäden. Die Bangsche Krankheit erwies sich zudem als Berufskrankheit vieler Tierärzte. Schon früh wurde die Bedeutung der Eutergesundheit, der Milchhygiene und der Fleischschau für das Erkennen und die Bekämpfung beider Seuchen erkannt. Die tierärztlichen Anliegen wurden im Parlament nachdrücklich vertreten, sassen doch drei Mitglieder der GST im Nationalrat und eines im Ständerat, als 1950 das Tuberkulosegesetz behandelt wurde. Dass die Schweiz bereits 1959 als frei von Rindertuberkulose und 1963 als frei vom Rinderabortus Bang erklärt werden konnte, war das Ergebnis einer gewaltigen Anstrengung aller amtlichen und praktizierenden Tierärzte. Mit ebenso grossen Anstrengungen war die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche verbunden. Die beiden Weltkriege bedeuteten für die Tierärzte eine doppelte Belastung, war doch die Mehrzahl als Pferdärzte in der Armee verpflichtet. Es kann kaum ermessen werden, welche Leistungen die Tierärztefrauen und die nicht dienstpflichtigen Tierärzte in Vertretung der im Aktivdienst abwesenden Gatten bzw. Kollegen erbracht haben. Die GST setzte sich für ihre Mitglieder ein, damit der Verdienstausfall infolge des Aktivdienstes entschädigt wurde. Für die soziale Sicherheit der Tierärzte wurden bereits 1911 eine Sterbekasse und ein Hilfsfonds geschaffen.

Die GST hatte 1932 642 Mitglieder, das waren fast 90 Prozent aller Schweizer Tierärzte. Die hohe Mitgliederzahl bedingte bereits 1929 die Errichtung einer Geschäftsstelle. Diese war auch für die Stellenvermittlung zuständig. 1931 wurde erstmals eine Standesordnung erlassen, welche die Berufstätigkeit und das Verhältnis der Tierärzte untereinander regelte.

Grosse Veränderungen ab 1963

Unterricht in Histologie bei Prof. W. Mosimann in Bern im Jahr 1966
Die Teleteaching-Hörsäle an den beiden Vetsuisse-Standorten Bern und Zürich erlauben einen simultanen Unterricht.

Die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe verringerte sich kontinuierlich und die Zahl der Nutztiere pro Betrieb stieg an. Die Pferde wurden weniger als Arbeitstiere, sondern zunehmend im Sport und in der Freizeit eingesetzt. Der Anteil der Bevölkerung, die in städtischer Umgebung wohnte, nahm zu und damit auch die Zahl der Heimtiere.

In den alten Tierspitälern in der Zürcher Selnau und an der Berner Engehalde schlossen von 1901 – 1960 im Mittel jährlich 20 Tierärzte ihr Studium mit dem Staatsexamen ab. Nach dem Bezug der neuen Tierspitäler im Strickhof in Zürich (1963) und an der Länggasse in Bern (1965) stieg die Zahl der Studierenden solange an, bis wegen des Numerus clausus eine obere Begrenzung erreicht wurde, was in den letzten zehn Jahren im Mittel 110 eidgenössische Diplome ergab. Erstmals wurde 1938 eine Frau diplomiert, bis 1950 waren es erst sechs Frauen. Der Anteil der eidgenössisch diplomierten Tierärztinnen stieg dann von 16 Prozent (1961 – 1970) auf 79 Prozent (2001 – 2010). Dementsprechend wurde 2004 der Name der Gesellschaft angepasst: Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST). Mit der Zahl der Absolventinnen und Absolventen stieg auch die Zahl der GST-Mitglieder, 1980 waren es 1'136 und 2010 deren 2'741.

Viele neue Arbeitsplätze entstanden in der Kleintiermedizin, die Nachfrage nach tierärztlichem Wissen nahm auch in der Forschung und in der Lehre, in der Industrie und in den Amtsfunktionen (Seuchenbekämpfung, Lebensmittelhygiene, Tierschutz) zu.

Dank einer grundlegenden Statutenänderung, die 1961 in Kraft trat, war die GST der zunehmenden Zahl der Mitglieder und dem breiteren Spektrum der Ansprüche gewachsen. Sie setzte eine Delegiertenversammlung mit proportionaler Vertretung der Sektionen als Entscheidungsgremium ein und errichtete eine permanente Geschäftsstelle. Mit der zunehmenden Spezialisierung und den neuen Wirkungsfeldern entstanden 14 neue Fachsektionen, als erste 1970 die Schweizerische Vereinigung für Kleintiermedizin.

«Der Tierarzt im Dienst von Tier und Mensch». Darstellung der GST-Geschichte von René Villiger.

In allen Fassungen der Statuten und Standesordnungen steht die Verpflichtung zu einem berufsethischen Verhalten im Vordergrund. Dem ausgeprägten Bewusstsein der Tierärztinnen und Tierärzte, dass sie einen freien Beruf ausüben, wurden Schranken gesetzt.1992 beschloss die Delegiertenversammlung, zusätzlich ethische Grundsätze für die tierärztlichen Tätigkeiten aufzustellen. Sie liess sich dabei vom Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben leiten. Den Vollzug der Standesordnung leitet ein Standesrat und in gestörten Kundenbeziehungen vermitteln Ombudsleute.

Sowohl die GST als auch die Sektionen führen regelmässig Vortragstagungen, Demonstrationen und Seminarien durch. Im Zentrum stehen seit 1963 die zwei- bis dreitägig durchgeführten Tierärztetage mit einem breiten Spektrum von fachlichen Veranstaltungen.

Eine neue Dimension brachte die Einführung des Spezialtierarzt-Titels FVH im Jahr 1974, der im Gegensatz zum humanmedizinischen FMH-Titel nicht bundesrechtlich geregelt ist. Analog der für die Berufsausübung in der Humanmedizin obligatorischen Weiter- und Fortbildung koordiniert die GST die Weiter- und Fortbildung und unterstützt sie finanziell. Eine Bildungskommission wacht über die Einhaltung des wissenschaftlichen Standards.

2013: Die GST feiert das 200-Jahr-Jubiläum

Die GST hat das Jubiläumsjahr 2013 mit einer vielbeachteten Jubiläumsausgabe des Schweizer Archivs für Tierheilkunde SAT eingeläutet.

Verstreut über das ganze Jahr und über fast die gesamte Schweiz haben die Sektionen sehr engagiert ein vielfältiges Angebot an Aktivitäten auf die Beine gestellt. Diese Präsentationen stiessen auf ein reges Interesse bei Jung und Alt und beleuchteten verschiedenste Facetten des Tierärzteberufes.

Anlässlich des Jubiläums-Festaktes dankte Gastredner Alain Berset der Tierärzteschaft für ihren Einsatz für die Gesundheit von Mensch und Tier.

Am dreitägigen Jubiläumskongress vom 5. bis 7. Juni 2013 in Bern gratulierte Gastredner Bundesrat Alain Berset der GST zum 200-jährigen Bestehen und dankte der Tierärzteschaft für ihren Einsatz für die Tiergesundheit. Er hob in seiner Rede die Bedeutung der Partnerschaft zwischen Tierärzten und Tierhaltern bei der Prävention von Krankheiten der Nutztiere hervor und erinnerte an die hohe Verantwortung beim Einsatz von Arzneimitteln.

Quelle: Schweizer Archiv für Tierheilkunde 01/2013,
Jubiläumsausgabe «200 Jahre GST»